Agat Schaltenbrand (1926-2018)

Agat Schaltenbrand, 1926 in Laufen geboren, besitzt ein beachtliches Frühwerk, das in die Jahre 1955-1959 zurückreicht. Es sind Natureindrücke oder 'Architektonische lmpressionen'. Spürbar und sichtbar entfaltet sie in der Abstraktion ihren lnstinkt für die Malerei. Die Abstraktion ist nicht formaler Vorgang, sondern Mittel, die Malerei auf ihre Eigengesetzlichkeit hin zu erproben. Dann erfolgt - aus der Distanz gesehen - ein Bruch, der erst viel später wieder in Zeichnungen und Aquareliskizzen 'versöhnt' wird, wenn sie Gegenstände sowohl auf ihre Ausdruckskraft als auch auf ihre 'Ordnung'  hin ins Blickfeld rückt.

In den frühen sechziger Jahren, als sie schon weit über dreissig ist, beginnt Agat Schaltenbrand in kleinformatigen Malereien den Grundstock für ihr späteres Schaffen zu legen. Weder abstrahiert sie nun, noch setzt sie gegenständliche Vorstellungen um. lhr Anliegen ist einzig und allein die Malerei: die aus und mit den malerischen Mitteln bewirkte Gliederung von Fläche und Raum durch Farbe und Form, Rhythmus und Klang. Die Form ergibt insofern ein Problem, als die Farbe, von ihr ausgehend, in sie mündet. Als folge sie einer Eingebung, wählt sie mehrheitlich die Grundformen Dreieck, Kreis und Viereck als Ausgangssituation, was dann auch immer mit diesen Formen im Laufe des malerischen Prozesses geschehen mag.

Der Weg, den Agat Schaltenbrand in den vergangenen 25 Jahren beschritten hat, ist insofern interessant und faszinierend, als sie ihr Augenmerk stets auf die Ausweitung und lntensivierung der malerischen Qualität richtet: lmmer wieder zehrt sie vom einst erstellten Grundstock, indem sie die im Klein- oder mittleren Format gespeicherten Erfahrungen nun ins Grossformat überträgt, nicht etwa im Sinn einer Um- oder Uebersetzung, sondern im Bestreben, die Malerei selbst zum Tragen zu bringen. Was wie eine Einschränkung aussieht, auf den ersten Blick gar wie ein Stehenbleiben, erweist sich in Wirklichkeit als eine höchst erstaunliche Entgrenzung. Die zu Beginn der sechziger Jahre erarbeiteten Farb- und Formdispositive geben der Künstlerin insgesamt oder partiell die Möglichkeit, sich in der Folge auf die Malerei zu konzentrieren, weil diese Dispositive, parallel zur malerischen 'Auswertung', verinnerlicht werden: lndem sie die Form nicht mehr zu erfinden braucht, kann sie diese aus der Malerei heraus neu definieren.

Für Agat Schaltenbrand hat Malerei mit Ausweitung zu tun. Was für andere der Reichtum eines Oeuvres darstellt, die Vielgestaltigkeit und grosse Zahl der Werke unter Verwendung verschiedenster Medien, findet sich bei Agat Schaltenbrand nur in einer beschränkten Gruppe von Bildern, die eine Ausweitung sowohl im Format als auch in der malerischen Aussage aufweisen. Format wie Aussage stehen in einem proportionalen Verhäitnis zueinander. Der Weg zu immer grösseren Formaten wird bestimmt durch die Eigengesetzlichkeit der Malerei, die in der Vergegenständlichung ihrer Aussage (als Malerei) den Schritt vom 'Bild' zur 'Welt' fordert. Wer die Künstierin kennt, weiss, dass der Schritt zum grossen Format weder ihrer Statur noch ihrer Natur entspricht. Es ist ein Format, das ihr die Malerei ganz einfach auferlegt. Je stärker die Malerei als solche zum Tragen kommt, desto stärker verlangt sie nach Ausweitung, die sich zugleich in die Tiefe verlagert. lm malerischen Prozess allerdings verlaufen die beiden Bestrebungen nicht synchron. Agat Schaltenbrand arbeitet während Monaten und Jahren an einem Bild, nicht kontinuierlich: Wenn sie nach längerer Zeit wieder einmal ein Bild aus dem engen schmalen Gestell herauszieht, wird ihr piötzlich klar, was jenem fehlt. Dass es ihr gelingt, oft weit zurückliegende Bilder entsprechend der Ausgangssituation zu klären, und zwar im Sinn einer qualitativen Vergegenwärtigung der malerischen Aussage, hängt deutlich damit zusammen, dass das noch viel weiter zurückliegende Farb- und Formdispositiv als verinnerlichte Instanz ständig nach malerischer Verselbständigung drängt. Dennoch wäre die Behauptung abwegig, hier sei Malerei lediglich Mittel zum Zweek. Die symphonische Ausweitung der 'Partituren', die Agat Schaltenbrand bis ins lnnerste kennt, beinhalten ernpfindungsmässig völlig verschiedene Richtungen. Das erklärt die Verschiedenheit der Bilder, die von der Intonation, vom Rhythmus und vom Klangvolumen her stets von neuem den Resonanzraum der Malerei erforschen.

 

Jean-Christophe Ammann, Ausstellungskatalog Kunsthalle  Basel, 1985